Checkliste · 8 Min. Lesezeit · Stand: September 2026

Lieferantenaudit: Ablauf, Fragenkatalog und Checkliste

Von der Vorbereitung über den Audittag bis zur Maßnahmenverfolgung — inklusive eines Fragenkatalogs, den Sie direkt übernehmen können.

Kurz gesagt: Ein gutes Lieferantenaudit besteht zu einem Drittel aus Vorbereitung, zu einem Drittel aus dem Termin und zu einem Drittel aus der Nachverfolgung. Der häufigste Fehler ist, das letzte Drittel wegzulassen — dann ist das Audit dokumentierte Beschäftigung ohne Wirkung.

Wann ein Audit sinnvoll ist

  • Vor der Aufnahme eines kritischen oder Single-Source-Lieferanten.
  • Turnusmäßig bei kritischen Lieferanten, je nach Branche alle ein bis drei Jahre.
  • Anlassbezogen nach gehäuften Reklamationen, einem Qualitätsvorfall oder einem Eigentümerwechsel beim Lieferanten.
  • Auf Kundenanforderung, wenn Ihr eigener Großkunde Nachweise über die Prüfung Ihrer Vorlieferanten verlangt.
Kein Audit ohne Anlass

Ein Audit bindet auf beiden Seiten Ressourcen. Bei unkritischen Lieferanten reicht eine Selbstauskunft plus Zertifikatsprüfung — sparen Sie die Vor-Ort-Termine für die Lieferanten auf, bei denen ein Ausfall wirklich wehtut.

Vorbereitung: zwei Wochen vorher

  1. Ziel festlegen. Systemaudit (QM-System), Prozessaudit (ein konkreter Fertigungsprozess) oder Produktaudit (ein Teil)? Das entscheidet über den Fragenkatalog.
  2. Unterlagen anfordern: QM-Handbuch oder Prozessbeschreibungen, aktuelle Zertifikate, Organigramm, Reklamationsstatistik der letzten 12 Monate, Prüfpläne.
  3. Eigene Historie sichten: Liefertreue, Reklamationen, offene Punkte aus dem letzten Audit, aktuelle Bewertung.
  4. Agenda versenden — mit Themen, Zeitfenstern und den Personen, die Sie sprechen möchten. Ein Audit ohne vorab benannte Gesprächspartner verliert am Tag selbst Stunden.
  5. Auditteam festlegen: QS führt, Einkauf begleitet, bei technischen Themen die Fachabteilung.

Ablauf des Audittags

ZeitInhalt
09:00Eröffnungsgespräch: Ziel, Umfang, Ablauf, Vertraulichkeit
09:30Unternehmens- und Organisationsvorstellung durch den Lieferanten
10:00Dokumentenprüfung: QM-System, Zertifikate, Prüfpläne, Lenkung von Dokumenten
11:00Rundgang Produktion: Sauberkeit, Ordnung, Kennzeichnung, Rückverfolgbarkeit, Prüfmittel
12:30Pause
13:15Prozessvertiefung: ein konkretes Teil von der Bestellung bis zum Versand nachverfolgen
14:30Reklamations- und Korrekturmaßnahmenprozess an realen Fällen prüfen
15:15Interne Abstimmung im Auditteam
15:45Abschlussgespräch: Feststellungen benennen, nächste Schritte und Fristen vereinbaren
Der wichtigste Programmpunkt

Die Prozessvertiefung um 13:15 Uhr. Ein konkretes Teil rückwärts nachzuverfolgen — vom Versandprotokoll über die Prüfaufzeichnung und den Fertigungsauftrag bis zum Wareneingang des Rohmaterials — deckt mehr auf als jede Dokumentenprüfung. Wenn die Kette hier reißt, ist die Rückverfolgbarkeit nur auf dem Papier vorhanden.

Fragenkatalog nach Themenblöcken

Qualitätsmanagement

  • Welche Zertifizierungen liegen vor, mit welcher Gültigkeit, und wann war das letzte Überwachungsaudit?
  • Wer ist Qualitätsverantwortlicher, und an wen berichtet diese Person?
  • Wie werden Kundenanforderungen und Spezifikationen in interne Prüfvorgaben überführt?
  • Wie werden Dokumente und Aufzeichnungen gelenkt — wie erkennt ein Mitarbeitender die gültige Fassung?

Prozess und Fertigung

  • Gibt es dokumentierte Prozessbeschreibungen, und liegen sie am Arbeitsplatz vor?
  • Wie werden Prüfmittel überwacht und kalibriert? Bitte zeigen Sie zwei aktuelle Nachweise.
  • Wie werden Prozessparameter überwacht, und was passiert bei Abweichung?
  • Wie wird sichergestellt, dass fehlerhafte Ware nicht weiterverarbeitet oder versendet wird?

Rückverfolgbarkeit

  • Bis auf welche Ebene ist ein Los rückverfolgbar — Charge, Schicht, Maschine?
  • Wie lange dauert eine Rückverfolgung in der Praxis? Bitte einmal an einem realen Beispiel vorführen.
  • Wie würde ein Rückruf ablaufen, und wann wurde er zuletzt geprobt?

Kapazität und Versorgungssicherheit

  • Wie hoch ist die aktuelle Auslastung, und welche Reserve besteht für Mehrbedarf?
  • Welche Ihrer eigenen Vorlieferanten sind Single Source?
  • Welche Notfallpläne bestehen bei Maschinenausfall, Rohstoffengpass oder Personalausfall?
  • Wie hoch ist der Umsatzanteil, den wir als Kunde bei Ihnen ausmachen?

Compliance und Lieferkette

  • Wie qualifizieren und überwachen Sie Ihre eigenen Vorlieferanten?
  • Führen Sie Sanktionslistenprüfungen durch, und wie werden sie dokumentiert?
  • Existiert ein Verhaltenskodex, und wie wird er an Vorlieferanten weitergegeben?
  • Gibt es ein Hinweisgebersystem, und wer bearbeitet eingehende Meldungen?

Reklamationen und Verbesserung

  • Wie viele Reklamationen gab es in den letzten zwölf Monaten, und wie ist der Trend?
  • Bitte zeigen Sie eine abgeschlossene Reklamation vollständig: Ursachenanalyse, Sofortmaßnahme, Abstellmaßnahme, Wirksamkeitsprüfung.
  • Wie wird die Wirksamkeit von Korrekturmaßnahmen belegt?

Feststellungen klassifizieren

KlasseDefinitionFrist
KritischUnmittelbares Risiko für Produktsicherheit, Legalität oder VersorgungSofortmaßnahme binnen 48 Stunden, Lieferstopp prüfen
HauptabweichungSystematischer Mangel, Anforderung nicht erfülltMaßnahmenplan binnen 14 Tagen, Umsetzung 90 Tage
NebenabweichungEinzelfall ohne SystemcharakterUmsetzung bis zum nächsten Audit
HinweisVerbesserungspotenzial ohne Anforderungsverstoßfreiwillig

Nachbereitung und Maßnahmenverfolgung

  1. Auditbericht binnen fünf Arbeitstagen versenden — je später, desto geringer die Wirkung.
  2. Maßnahmenplan vom Lieferanten einfordern, mit Verantwortlichem und Termin je Feststellung.
  3. Wirksamkeit prüfen, nicht nur die Umsetzung. „Schulung durchgeführt" ist keine Wirksamkeit — sinkende Fehlerquote schon.
  4. Ergebnis in die Lieferantenakte übernehmen und mit der Bewertung verknüpfen.
  5. Wiedervorlage setzen für offene Punkte und das nächste turnusmäßige Audit.

Genau an Punkt 4 und 5 scheitert es in der Praxis am häufigsten: Der Bericht liegt in einem Ordner, die Wiedervorlage steht in keinem Kalender. In NexSource hängen Auditunterlagen, Zertifikate mit Fristen und die Bewertung am selben Lieferantendatensatz — mit automatischer Erinnerung, bevor etwas ausläuft.

FAQ

Häufige Fragen

Was ist ein Lieferantenaudit?

Ein Lieferantenaudit ist die systematische Überprüfung eines Lieferanten vor Ort oder remote — hinsichtlich Qualitätsmanagement, Prozessfähigkeit, Rückverfolgbarkeit, Kapazität und Compliance. Es geht über die reine Dokumentenprüfung hinaus und schaut auf die gelebte Praxis.

Wie lange dauert ein Lieferantenaudit?

Ein fokussiertes Audit bei einem mittelständischen Lieferanten dauert typischerweise einen halben bis einen Tag vor Ort, plus etwa einen halben Tag Vorbereitung und einen halben Tag Nachbereitung. Remote-Audits sind kürzer, ersetzen aber den Rundgang durch die Produktion nicht vollständig.

Wer führt das Audit durch?

Im Mittelstand meist die Qualitätssicherung gemeinsam mit dem Einkauf. Fachliche Tiefe kommt aus der QS, kaufmännischer Kontext und Beziehungspflege aus dem Einkauf. Bei technisch anspruchsvollen Teilen sollte die Fachabteilung mit.

Was passiert nach dem Audit?

Ein Auditbericht mit klassifizierten Feststellungen (kritisch / Hauptabweichung / Nebenabweichung / Hinweis), ein vom Lieferanten erstellter Maßnahmenplan mit Terminen und Verantwortlichen, sowie eine Nachverfolgung. Ohne Nachverfolgung ist das Audit nur eine teure Betriebsbesichtigung.

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